DIAG: Herr Odermatt, Sie sind seit über 50 Jahren im Inkassogeschäft tätig. 1970 gründeten Sie die K. Odermatt, Inkasso Organisation & Co. und haben 1973, kurz vor Ausbruch der ersten Ölkrise und somit in einem wirtschaftlich schwierigen Umfeld, dieInkasso AG (vormals Inkasso Organisation AG, Zug) ins Leben gerufen.

Trotz des damaligen «Ölembargos» und in der Folge weiterer Krisen, wie z.B. die Ölkrise von 1979/80, dem Börsencrash von 1987, die Schweizer Immobilienkrise Anfangs der 1990er Jahre oder die Bankenkrise von 2008, von welcher sich die Weltwirtschaft eben erst einigermassen erholen konnte, haben Sie dieInkasso AG zu einem der branchenführenden Unternehmen in der Schweiz im Bereich des Credit Managements aufgebaut.

Wie sehen und erleben Sie die Situation nun mitten in der heutigen, weltweiten Corona-Krise und die zu erwartende Rezession? Droht uns gar eine Weltwirtschaftskrise wie vor rund 90 Jahren?

 

Kurt Odermatt VR-Präsident und CEO dieInkasso AG

Kurt Odermatt: Zweifelsohne leidet die nationale und internationale Wirtschaft unter COVID-19. Die Arbeitslosigkeit wird zunehmend ein Problem darstellen, viele Branchen werden erhebliche Umsatzeinbussen zu verkraften haben, was wiederum Investitionen und Wachstum bremst. Die Folge könnte eine Rezession sein. Eine Weltwirtschaftskrise erwarte ich noch nicht, obwohl die Verschuldung vieler Staaten in astronomische Beträge anwächst.

 

DIAG: In Krisenzeiten, wenn viele Rechnungen unbezahlt bleiben, hören wir oft, dass dieser Zustand doch zum grossen Vorteil der Inkassobranche sein müsse. Stimmt das?

 

Kurt Odermatt: Dieser Eindruck stimmt so nicht. Wir sitzen im selben Boot wie unsere Auftraggeber. Nur wenn es der Wirtschaft gut geht, geht es auch der Inkassobranche gut. Denn wenn Verbraucher oder Firmen nicht liquid sind, können wir weniger Geld realisieren und die Verlustquote steigt.

Richtig ist aber, dass in einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld ein professionelles Forderungsmanagement an Relevanz gewinnt. Die Erfahrungen zeigen, dass die Fälle komplexer und der Zahlungswiderstand grösser geworden sind. Der Bundesrat hat mittels Notrechts grosse Teile der Wirtschaft, vor allem KMU’s, lahmgelegt. Er griff auch in die Bestimmungen des Schuldbetreibungs- und Konkursrechtes ein, teilweise auch ins Aktienrecht, was a prima vista den Schuldnern nützt, den Gläubigern jedoch schadet.

Gerade die vergangenen Wochen mit dem «Lockdown» haben dies exemplarisch aufgezeigt, als auf einen Schlag viele Firmen, Selbständigerwerbende und Angestellte urplötzlich und unverschuldet vor dem Nichts standen. Hier war und ist von unseren Leuten zusätzliches Fingerspitzengefühl gefragt. Täglich meistern unsere Mitarbeitenden den Balanceakt zwischen den berechtigten Ansprüchen unserer Auftraggeber und der teils schwierigen Situation der Schuldner zu vermitteln und für alle Seiten tragbare Lösungen zu finden.

Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass auch ohne COVID-19, jedes Jahr mehr Betreibungen eingeleitet werden müssen. War man 2017 mit rund 2,93 Mio. und 2018 mit 2,98 Mio. noch knapp unter der 3 Millionen-Grenze an zugestellten Zahlungsbefehlen, wurde 2019 mit 3’063’643 Betreibungen auch diese Marke geknackt!

Nebst den 3 Millionen an Zahlungsbefehlen, wurden im letzten Jahr 1’724’195 Pfändungen vollzogen, was zu 692’349 Verwertungen führte. Die Verluste (nur aus Konkursen) nahmen allein seit 2017 um mehr als eine halbe Milliarde Franken zu und beliefen sich 2019 auf Fr. 2’304’117’000.– bei 8,57 Millionen Einwohnern. Und dies ohne COVID-19. (Quelle: BFS)

Trotzdem: Der Bundesrat hat klug gehandelt, indem er den Rechtsstillstand auf 14 Tage begrenzte und nach weiteren 14 Tagen Osterbetreibungsferien am 19.04.2020 das Rechtssystem wieder in Betrieb nahm.

 

 

„Von den Chinesen könnten wir derzeit viel lernen. Sie haben für Krise und Chance dasselbe Schriftzeichen.“

Ein Zitat von Richard von Weizsäcker (* 15. April 1920; † 31. Januar 2015), ehemaliger Bundespräsident der BRD.

 

 

DIAG: Als Verwaltungsratspräsident und CEO von dieInkasso AG, arbeiten Sie immer noch aktiv im Unternehmen mit, selbst wenn Sie inzwischen gewisse operative Aufgaben und Verantwortlichkeiten delegiert haben. Wie haben Sie sich in Zeiten von «Social Distancing» persönlich organisiert und wie arbeiten Ihre Angestellten?

 

Kurt Odermatt: Unsere technischen Möglichkeiten sind sehr gut ausgebaut. Je nach Berechtigung kann auf sämtliche Programme und Systeme zugegriffen werden. Über 90% unserer Mitarbeitenden arbeiten vom Home-Office aus, bestätigen Neuaufträge und bearbeiten ihre Fälle und Mandate wie auch Termine problemlos. Die Kommunikation zwischen der Geschäftsleitung und unseren Mitarbeitenden in ihren diversen Abteilungen und Filialen erfolgt nicht nur per E-Mail oder Telefon, sondern in zunehmender Weise auch über modernste Office-Plattformen, welche nebst Videokonferenzen und Chats auch einen zentralisierten Wissens- und Dokumenten-Austausch unter den Mitarbeitenden erlaubt. Auch der Zugriff auf interne und externe Adress- und Bonitätsdatenbanken ist gewährleistet.

 

DIAG: Krisenzeiten, sind auch immer wieder der Motor für Veränderungen, Erneuerungen und Anlass dafür, bisherige Usanzen und Prozesse oder gar Gesetze zu hinterfragen und anzupassen. In dieser Corona- Pandemie hat sich beispielsweise gezeigt, dass wegen unserem vielzitierten «Kantönligeist» viele Fragen der Zuständigkeit zwischen Bund und Kantonen auf der Strecke bleiben. Die Folge davon waren beispielsweise Engpässe bei Gesichtsmasken und Schutzanzügen für das medizinische Personal in Spitälern, Arztpraxen oder Altersheimen. Oder, man glaubt es kaum, bei Händedesinfektionsmitteln. Trotz staatlichem Pandemieplan.

Ist diese komplizierte Form der staatlichen Organisation von Aufgaben und Verantwortung, die unter-schiedlichen Gesetzgebungen auf kantonaler Ebene, in so wichtigen Fragen, noch dazu in einem kleinen Land wie die Schweiz überhaupt noch zeitgemäss?

Bezogen auf die Inkassobranche: Sollten z.B. Betreibungsregister nicht schweizweit zentralisiert geführt werden, statt wie heute noch immer auf Gemeinde- oder Bezirksebene wie die Betreibungsämter? Und die teils erheblichen Unterschiede punkto Arbeitsqualität und -geschwindigkeit der jeweiligen Betreibungsämter, ganz zu schweigen von ihren divergierenden Anforderungen für eine Auskunft vom Bodensee bis zum äussersten Zipfel des Lac Léman, wäre das nicht längst ein Anlass um im Zuge der Digitalisierung zu vereinheitlichen und zu modernisieren? Wo gäbe es Ihrer Meinung nach Verbesserungspotential?

 

Kurt Odermatt: Grundsätzlich hat sich unser Rechtssystem bewährt. Es trägt dem Föderalismus, den verschiedenen Sprachregionen und örtlichen Usanzen Rechnung, alles bei gleichzeitiger Wahrung unserer gemeinsamen Rechtsordnung. Aber auch gute Systeme sind stets verbesserungsbedürftig. Sei es, dass zukünftig mit den Ämtern vermehrt in elektronischer Form verkehrt werden kann oder dass angedacht wird, ein zentrales Betreibungsregister zu führen. Sie sprechen von „…erheblichen Unterschieden punkto Arbeitsqualität und -geschwindigkeit, ganz zu schweigen von divergierenden Anforderungen…“ Das ist leider der Preis für die dezentrale Verwaltung und die kantonalen Zuständigkeiten.

Ausser notwendigen Zusammenlegungen von Gemeinden und Ämtern würde ich an diesem System nicht viel ändern. Sofern Ämter, Behörden oder Gerichte sich nicht gesetzeskonform verhalten, stehen genügend Rechtsmittel zur Verfügung, um diese zur Raison zu bringen. Rekurse, teilweise bis vor Bundesgericht oder Aufsichtsbeschwerden begleiten unsere Tätigkeiten; wir beschäftigen intern, unter Führung eines erfahrenen Anwaltes ein Team von Legal-Experts, welche unsere Teamleiter und Sachbearbeiter auch in schwierigsten Sachverhalten unterstützen und beraten können. Und dies kommt auch unseren Kunden zugute.

 

DIAG: Viele Unternehmen nutzen Krisenzeiten um sich fit für die Zukunft zu machen und entwickeln neue Konzepte, Produkte und Dienstleistungen. Wie sieht es diesbezüglich bei dieInkasso aus? 

Kurt Odermatt: Wir investieren derzeit gerade sehr viel in neue Hard- und Software. Insbesondere für Kundendienst und Sales wird ein neues CRM-Tool und für die Erfüllung unserer verschiedenen Inkassodienstleistungen werden neue Softwarelösungen implementiert, welche u.a. die Integration von Schnittstellen zur Anbindung an ERP-Systeme unserer Kunden (SAP etc.) oder für e-SchKG u.v.m. ermöglichen.

Diese Neuerungen sind unerlässlich, um auch in Zukunft den steigenden Bedürfnissen unserer Kunden gerecht zu werden. Wir entwickeln auch neuartige Services für das vorrechtliche Forderungsmanagement und bewegen uns mehr und mehr in Richtung Übernahme ganzer Debitoren-Geschäftsprozesse unserer Kunden.

Aber auch unsere eigenen Prozesse und die Art und Weise, wie wir im Unternehmen künftig zusammenarbeiten und uns weiterentwickeln wollen, wird mit Einflüssen aus der Scrum-Lehre einen grundlegenden Wandel erfahren.

 

DIAG: Das klingt alles sehr spannend und vielversprechend. Herzlichen Dank für das Gespräch!